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Sicherheit

Humanmedikamente: warum Paracetamol, Ibuprofen und Co. Tiere vergiften

Redaktion Actipharm · Veröffentlicht am · 4 Min. Lesezeit

Handtasche hoch an einem Wandhaken, ausser Reichweite des Hundes, der zu ihr hinaufschaut.

Das Wichtigste

  • Katzen können Paracetamol kaum abbauen. Schon kleine Mengen führen zu Sauerstoffmangel im Blut, Leberschäden und ohne Behandlung zum Tod.
  • Ibuprofen, Diclofenac und Naproxen verursachen bei Hund und Katze Magen-Darm-Geschwüre und Nierenversagen; Katzen sind noch empfindlicher als Hunde.
  • Xylit aus Kaugummi und Zahnpasta senkt beim Hund den Blutzucker gefährlich; Permethrin-Spot-ons für Hunde lösen bei Katzen Zittern und Krämpfe aus.
  • Im Verdachtsfall sofort die Tierarztpraxis oder Tox Info Suisse (Telefon 145) anrufen, die Packung bereithalten und nicht selbst Erbrechen auslösen.

Was für Menschen ein harmloses Mittel aus der Hausapotheke ist, kann für Hund und Katze tödlich sein. Hinter den meisten Vergiftungen steckt keine Nachlässigkeit, sondern gut gemeinte Hilfe («sie hatte doch Schmerzen») oder eine Tablette, die vom Tisch gefallen ist. Wer die wichtigsten Fallen kennt, kann beides vermeiden.

Die gefährlichsten Verwechslungen

Substanz Wo sie vorkommt Besonders gefährdet Typische Anzeichen
Paracetamol Schmerz- und Fiebermittel, Grippepulver Katze schon bei kleinen Mengen, Hund bei grösseren bräunliche oder bläuliche Schleimhäute, Atemnot, geschwollenes Gesicht und Pfoten, bei der Katze innert weniger Stunden
Ibuprofen, Diclofenac, Naproxen, Acetylsalicylsäure Schmerzmittel, Schmerzgels, Kombipräparate gegen Erkältung Hund und Katze, Katze noch empfindlicher Erbrechen (auch mit Blut), schwarzer Kot, Bauchschmerzen, später wenig oder kein Urin
Xylit (Birkenzucker) zuckerfreie Kaugummis und Bonbons, Nikotinkaugummi, Zahnpasta, Backwaren Hund Erbrechen, Schwäche, Taumeln, Krämpfe, oft nach 30 bis 60 Minuten; Leberschäden auch ohne diese Zeichen
Permethrin und andere Pyrethroide Spot-ons und Halsbänder für Hunde, Insektensprays Katze Muskelzittern, Krämpfe, starkes Speicheln, Taumeln, meist 3 bis 24 Stunden nach dem Kontakt

Die Liste ist nicht abschliessend. Auch Antidepressiva, Schlaf- und ADHS-Medikamente, Herz- und Blutdruckmittel, Salben mit Vitamin-D-Abkömmlingen gegen Schuppenflechte und Nikotin führen regelmässig zu schweren Vergiftungen. Im Zweifel gilt: Jedes Humanmedikament ist für ein Tier verdächtig, bis eine Fachperson das Gegenteil sagt.

Warum Katzen so empfindlich sind

Viele Wirkstoffe werden in der Leber an Glucuronsäure gekoppelt und so ausscheidbar gemacht. Katzen fehlt dieser Weg weitgehend. Paracetamol wird bei ihnen deshalb über einen Nebenweg abgebaut, auf dem giftige Zwischenprodukte entstehen. Sie schädigen die roten Blutkörperchen, die keinen Sauerstoff mehr transportieren können; das Blut wird schokoladenbraun, die Leber nimmt Schaden. Ohne Behandlung kann der Tod bereits nach 24 Stunden eintreten. Dieselbe Stoffwechsellücke macht Katzen empfindlich für Salicylate, Pyrethroide und manche ätherischen Öle. Dazu kommt das Putzverhalten: Was aufs Fell gelangt, wird abgeleckt und geschluckt.

Hunde sind nicht robust, nur anders gefährdet. Bei ihnen stehen Entzündungshemmer wie Ibuprofen im Vordergrund, die schon in Mengen, die für Menschen üblich sind, Magengeschwüre und Nierenversagen auslösen können. Dazu kommt der Zuckerersatz Xylit, auf den Katzen laut Tox Info Suisse nicht reagieren.

Fallbeispiel: ein Spot-on für zwei

Ein Haushalt mit Hund und Katze, Zeckensaison. Das Spot-on des grossen Hundes wirkt gut, die Katze hat auch Zecken. Die Halterin teilt die Pipette auf, ein bisschen für jedes Tier. Am Abend zittert die Katze, in der Nacht krampft sie.

Hochkonzentrierte Permethrin-Präparate für Hunde sind eine klassische Ursache schwerer Vergiftungen bei Katzen. Gefährlich ist auch der indirekte Weg: Die Katze schmiegt sich an den frisch behandelten Hund oder schläft auf seiner Decke. Solche Produkte tragen deshalb einen Warnhinweis für Katzen. Halten Sie die Tiere nach der Behandlung so lange getrennt, wie die Packungsbeilage angibt, und verwenden Sie für jede Tierart nur ein Produkt, das ausdrücklich für sie zugelassen ist.

Ist es passiert, rufen Sie sofort an. Die Tierärztin entscheidet, ob Sie das Präparat vor der Fahrt mit mildem Spülmittel und lauwarmem Wasser aus dem Fell waschen sollen. Heisses Wasser fördert die Aufnahme über die Haut, kaltes verstärkt das Zittern. Nach dem Waschen die Katze gut abtrocknen und warm halten.

Im Notfall: so gehen Sie vor

  1. Sichern. Reste wegräumen, damit kein weiteres Tier daran kommt. Packung, Blister oder Beipackzettel mitnehmen.
  2. Abschätzen. Wie viele Tabletten fehlen, welche Stärke, wann ungefähr? Das Körpergewicht des Tieres bereithalten.
  3. Anrufen. Zuerst die eigene Tierarztpraxis, ausserhalb der Sprechstunde den tierärztlichen Notfalldienst Ihrer Region (die Nummer nennt meist der Anrufbeantworter der Praxis) oder eine Tierklinik mit 24-Stunden-Notfall. Tox Info Suisse (Telefon 145, aus dem Ausland +41 44 251 51 51) schätzt die Gefährdung Ihres Tieres ein und nennt einfache Sofortmassnahmen; die Behandlung selbst übernimmt die Tierarztpraxis.
  4. Nichts auf eigene Faust. Kein Salzwasser, keine Milch, kein Öl, kein Finger im Hals. Salzwasser kann eine lebensbedrohliche Kochsalzvergiftung auslösen, und manche Substanzen verätzen beim Erbrechen zusätzlich die Speiseröhre. Ob Erbrechen sinnvoll ist, entscheidet die Tierärztin.
  5. Auch ohne Symptome losfahren. Paracetamol, Xylit und Entzündungshemmer wirken verzögert. Die Behandlung ist in den ersten Stunden am wirksamsten.

Vorbeugen im Alltag

Medikamente gehören in einen geschlossenen Schrank, nicht auf Nachttisch, Sofa oder in die offene Handtasche. Heruntergefallene Tabletten sofort aufheben: Hunde sind schneller. Tablettendosen und Wochendispenser halten Hundezähnen nicht stand. Kaugummi und Nikotinkaugummi nie in Jackentaschen auf Schnauzenhöhe lassen. Schmerzgels einziehen lassen, bevor Ihr Tier Sie ableckt. Auch aromatisierte Kautabletten für Tiere schmecken so gut, dass manche Hunde ganze Packungen fressen.

Die wichtigste Regel: Ein Tier bekommt nur Medikamente, die die Tierärztin für genau dieses Tier verschrieben hat. Ein Mittel für den Hund ist nicht automatisch für die Katze geeignet. Für Gelenkschmerzen gibt es gute, für Tiere zugelassene Möglichkeiten, siehe Arthrose bei Hund und Katze. Und weil Xylit auch in Zahnpasta steckt, putzen Sie Tierzähne nur mit Tierzahnpasta, mehr dazu unter Zahnpflege bei Hund und Katze.

Wann sofort zur Tierärztin oder zum Tierarzt

  • Ihr Tier hat ein Medikament für Menschen gefressen oder bekommen, auch wenn es noch munter wirkt.
  • Ihre Katze hatte Kontakt mit einem Spot-on für Hunde oder mit einem frisch behandelten Hund.
  • Ihr Hund hat Kaugummi, Bonbons, Backwaren oder Zahnpasta mit Xylit gefressen.
  • Zittern, Krämpfe, Taumeln, starkes Speicheln, Erbrechen oder plötzliche Schwäche treten auf.
  • Die Schleimhäute wirken bräunlich, bläulich oder sehr blass, oder Gesicht und Pfoten schwellen an.
  • Sie haben Ihrem Tier ein Schmerzmittel gegeben und sind nicht sicher, ob es für Tiere zugelassen ist.

Allgemeine Information. Sie ersetzt nicht die Beratung durch eine Tierärztin oder einen Tierarzt.

Quellen

  1. Tox Info Suisse: Vergiftungen bei Tieren
  2. Tox Info Suisse: Xylit, Achtung Gefahr für Hunde
  3. CliniTox, Institut für Veterinärpharmakologie und -toxikologie Zürich: Paracetamol
  4. CliniTox, Institut für Veterinärpharmakologie und -toxikologie Zürich: Nichtsteroidale Antiphlogistika
  5. CliniTox, Institut für Veterinärpharmakologie und -toxikologie Zürich: Pyrethroide und Pyrethrine

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