Ashwagandha ist innerhalb weniger Jahre vom Nischenkraut der ayurvedischen Tradition zum Verkaufsschlager im Regal für Nahrungsergänzung geworden. Kapseln, Pulver und sogar Fruchtgummis versprechen ruhigere Nerven und tieferen Schlaf. Zugleich kursieren Warnungen vor Leberschäden, und die Behörden im deutschsprachigen Raum raten bestimmten Gruppen ausdrücklich davon ab. Beides stimmt – und scheint sich doch zu widersprechen. Dieser Beitrag ordnet nüchtern ein, was kontrollierte Studien tatsächlich zeigen, was einzelne Fallberichte melden und für wen die Warnungen konkret gelten.
Was Ashwagandha eigentlich ist
Hinter dem Modewort steckt eine alte Heilpflanze: Withania somnifera, auf Deutsch Schlafbeere oder Winterkirsche, ein Nachtschattengewächs. Verwendet wird vor allem die Wurzel, die in der indischen Ayurveda-Medizin seit Langem eingesetzt wird. In der Werbung taucht Ashwagandha meist als Adaptogen auf – so nennt man Pflanzenstoffe, die die Widerstandskraft des Körpers gegenüber Stress erhöhen sollen. Als wirksame Bestandteile gelten die sogenannten Withanolide; in Präparaten steckt in der Regel ein standardisierter Extrakt mit festgelegtem Withanolid-Gehalt.
Wichtig zur Einordnung: Adaptogen ist ein Traditions- und Marketingbegriff, keine anerkannte pharmakologische Wirkstoffklasse. Und rechtlich gilt in der Schweiz wie in der EU: Für Ashwagandha sind derzeit keine gesundheitsbezogenen Angaben zugelassen. Wer also mit Wirkversprechen wirbt, bewegt sich ausserhalb des Erlaubten. Dieser Text beschreibt lediglich, was die Forschung beobachtet hat – er ist keine Empfehlung zur Einnahme.
Ashwagandha auf einen Blick
Was: Wurzelextrakt der Schlafbeere (Withania somnifera), eines Nachtschattengewächses.
Beworben als: Adaptogen gegen Stress, innere Unruhe und Schlafprobleme.
Wirkstoffe: Withanolide, meist als standardisierter Extrakt dosiert.
Knackpunkt: reale, aber seltene Fälle von Leberschäden – trotz unauffälliger Studien.
Rechtlicher Status: In der Schweiz und der EU sind für Ashwagandha derzeit keine gesundheitsbezogenen Angaben zugelassen.
Wirkung auf Stress und Schlaf
Anders als bei manchem Trendstoff gibt es zu Ashwagandha durchaus kontrollierte Studien am Menschen. Zum Thema Stress und Angst liegen mehrere kleine, randomisierte und placebokontrollierte Untersuchungen vor. In einer viel zitierten indischen Studie mit 64 gestressten Erwachsenen senkte ein hochkonzentrierter Wurzelextrakt über 60 Tage die Werte auf mehreren Stress-Fragebögen deutlich stärker als ein Scheinpräparat; auch der Stresshormon-Spiegel Cortisol ging zurück. Eine australische Studie von 2019 kam mit einem anderen Extrakt zu einem ähnlichen Bild: eine statistisch bedeutsame Abnahme auf einer etablierten Angst-Skala und beim morgendlichen Cortisol.
Für den Schlaf fasst eine Meta-Analyse aus dem Jahr 2021 fünf randomisierte Studien mit insgesamt rund 400 Teilnehmenden zusammen. Ergebnis: ein kleiner, aber statistisch bedeutsamer Effekt auf den Schlaf. Am deutlichsten war er bei Menschen mit diagnostizierter Schlaflosigkeit, bei höheren Dosen und einer Anwendung über mindestens acht Wochen. Schwere Nebenwirkungen wurden in diesen Studien nicht berichtet.
So weit klingt das ermutigend – doch die Einordnung gehört dazu. Die Studien waren durchweg klein, liefen meist nur über wenige Wochen bis maximal drei Monate und wurden häufig von den Extrakt-Herstellern mitfinanziert. Getestet wurden zudem jeweils bestimmte, standardisierte Extrakte; die Ergebnisse lassen sich deshalb nicht eins zu eins auf jedes beliebige Produkt aus dem Regal übertragen. Ähnlich wie beim Curcumin und seiner Bioverfügbarkeit entscheidet auch hier die Aufmachung mit, was tatsächlich im Körper ankommt. Unterm Strich deutet die Datenlage auf einen echten, aber moderaten Kurzzeit-Nutzen bei Stress und Schlaf hin. Ein Beleg für eine langfristige Wirkung – oder für langfristige Sicherheit – ist das ausdrücklich nicht.
Das Leber-Paradox
Genau hier liegt der Punkt, den viele Ratgeber nicht sauber auflösen. In den kontrollierten Studien war die Leber unauffällig: Die Nebenwirkungen waren mild und vergleichbar mit denen unter Placebo, schwere unerwünschte Ereignisse traten nicht auf, und die gemessenen Leberwerte blieben im Rahmen. Man könnte daraus schliessen: harmlos.
Trotzdem gibt es Fallberichte über Leberschäden. Ein internationales Team beschrieb 2020 fünf Betroffene aus Island und dem US-Netzwerk für arzneimittelbedingte Leberschäden: Zwei bis zwölf Wochen nach Beginn entwickelten sie Gelbsucht, Übelkeit und Juckreiz, die Leber war im typischen Muster geschädigt. Alle erholten sich innerhalb von einem bis fünf Monaten wieder, ein Leberversagen trat nicht auf. Eine indische Fallserie von 2023 fiel ernster aus: Von acht Menschen, die ein Präparat mit ausschliesslich Ashwagandha eingenommen hatten, hatten fünf eine Lebervorschädigung – drei von ihnen entwickelten ein akutes Leberversagen auf dem Boden einer chronischen Erkrankung, und alle drei verstarben.
Wie passt das zusammen? Der Schlüssel ist das Wort idiosynkratisch: Es handelt sich um seltene, individuelle Überempfindlichkeitsreaktionen, die nicht von der Dosis abhängen und nur einzelne Menschen treffen – unvorhersehbar. In einer Studie mit ein paar Dutzend Teilnehmenden über wenige Wochen kann ein Ereignis, das vielleicht eine unter mehreren Tausend Personen trifft, gar nicht auftauchen. Die Studien sind also nicht falsch; sie sind schlicht zu klein und zu kurz, um ein derart seltenes Risiko sichtbar zu machen. Solche Signale sammeln sich erst, wenn Millionen Menschen ein Mittel nehmen und einzelne Schäden in Fallregistern zusammenlaufen.
Deshalb können Behörden warnen, ohne den Studien direkt zu widersprechen. Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) stufte Ashwagandha im September 2024 als möglichen Auslöser von Gesundheitsrisiken ein und nannte ausdrücklich Leberschäden bis hin zum akuten Leberversagen. Die Stiftung Warentest schloss sich mit einer Warnung an, und das medizinische Referenzwerk LiverTox der US-Gesundheitsbehörden führt Ashwagandha als bekannten Auslöser von Leberschäden. Die Botschaft ist nicht "gefährliches Gift", sondern: ein seltenes, aber ernst zu nehmendes Risiko, das kontrollierte Studien naturgemäss übersehen.
| Blickwinkel | Kontrollierte Studien | Fallberichte & Behörden |
|---|---|---|
| Leberwerte | blieben unauffällig | einzelne, teils schwere Schäden |
| Häufigkeit | keine schweren Ereignisse in kleinen Gruppen | selten, aber real; nicht dosisabhängig |
| Zeitpunkt | über 8–12 Wochen beobachtet | 2–12 Wochen nach Beginn |
| Verlauf | keine Auffälligkeiten | meist heilend, bei Vorschädigung tödlich möglich |
| Was folgt daraus | kurzfristig verträglich | Vorsicht bei Risikogruppen |
Beide Spalten stimmen gleichzeitig – sie beleuchten dasselbe Mittel nur aus unterschiedlichen Datenquellen.
Wer besser verzichtet
Aus der Trennung von Studienlage und Fallmeldungen lassen sich klare Gruppen ableiten, für die Zurückhaltung angebracht ist. Das Bundesinstitut für Risikobewertung nennt drei besonders deutlich:
- Menschen mit Leberkrankheit oder Lebervorgeschichte. Das ist der klarste Fall: Bei genau dieser Gruppe verliefen die dokumentierten Schäden am schwersten.
- Schwangere und Stillende. Für sie fehlen Sicherheitsdaten vollständig; traditionell wird der Pflanze zudem eine wehenfördernde Wirkung zugeschrieben.
- Kinder und Jugendliche. Auch hier gibt es keine belastbaren Daten zur Sicherheit.
Hinzu kommen mögliche Wechselwirkungen mit Medikamenten. Ashwagandha kann laut BfR die Wirkung von Mitteln gegen Diabetes (Blutzucker), gegen Bluthochdruck und zur Unterdrückung des Immunsystems verändern; auch bei Schilddrüsen- und Beruhigungsmitteln ist Vorsicht sinnvoll. Wer solche Medikamente einnimmt, klärt eine geplante Einnahme am besten vorab ärztlich oder in der Apotheke ab. Und ganz grundsätzlich gilt: Rein pflanzlich heisst nicht automatisch harmlos – ein Missverständnis, das auch bei den als Süssigkeit getarnten Vitamin-Gummibärchen immer wieder auftaucht.
Häufige Fragen
Hilft Ashwagandha wirklich gegen Stress?
In mehreren kleinen, kontrollierten Studien senkte ein standardisierter Ashwagandha-Extrakt selbst berichteten Stress und den Cortisolspiegel deutlicher als ein Scheinpräparat. Die Studien waren allerdings klein, kurz und oft von Herstellern mitfinanziert. Sie deuten auf einen echten, aber moderaten Kurzzeit-Nutzen hin, sind aber kein Beleg für eine langfristige Wirkung.
Verbessert Ashwagandha den Schlaf?
Eine Meta-Analyse aus fünf randomisierten Studien mit rund 400 Personen fand einen kleinen, aber statistisch bedeutsamen Effekt auf den Schlaf. Am ehesten profitierten Menschen mit diagnostizierter Schlaflosigkeit bei höheren Dosen über mindestens acht Wochen. Der Nutzen ist also real, aber begrenzt.
Schädigt Ashwagandha die Leber?
In kontrollierten Studien blieben die Leberwerte unauffällig. Unabhängig davon gibt es aber Fallberichte, in denen Menschen zwei bis zwölf Wochen nach Einnahmebeginn eine Leberschädigung entwickelten. Diese Reaktionen sind selten und individuell (idiosynkratisch), nicht von der Dosis abhängig. Meist heilte die Leber wieder aus, bei Menschen mit Vorschädigung verliefen einzelne Fälle jedoch tödlich.
Warum warnen Behörden, wenn Studien keine Leberschäden zeigen?
Weil kleine, kurze Studien seltene Ereignisse gar nicht erfassen können. Ein Schaden, der vielleicht eine unter mehreren Tausend Personen trifft, taucht in einer Gruppe von wenigen Dutzend Teilnehmenden nicht auf. Solche Signale sammeln sich erst in Fallregistern. Deshalb warnen das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung und die Stiftung Warentest, ohne den Studien direkt zu widersprechen.
Wer sollte Ashwagandha nicht einnehmen?
Menschen mit einer Leberkrankheit oder Lebervorgeschichte, Schwangere, Stillende sowie Kinder und Jugendliche sollten laut Bundesinstitut für Risikobewertung darauf verzichten. Auch bei Medikamenten gegen Diabetes, Bluthochdruck oder zur Unterdrückung des Immunsystems ist Vorsicht geboten. Die Einnahme vorab ärztlich oder in der Apotheke abklären.
Welche Symptome deuten auf ein Leberproblem hin?
Warnzeichen sind eine Gelbfärbung von Haut oder Augen, dunkler Urin, heller Stuhl, anhaltende Übelkeit, ungewohnte Müdigkeit und Schmerzen im rechten Oberbauch. Wer solche Zeichen bemerkt, sollte das Präparat absetzen und ärztlichen Rat suchen. In einem akuten Notfall gilt in der Schweiz die Notrufnummer 144.
Quellen
- Chandrasekhar K, Kapoor J, Anishetty S. A prospective, randomized double-blind, placebo-controlled study of safety and efficacy of a high-concentration full-spectrum extract of ashwagandha root in reducing stress and anxiety in adults. Indian J Psychol Med. 2012;34(3):255–262. DOI: 10.4103/0253-7176.106022
- Lopresti AL, Smith SJ, Malvi H, Kodgule R. An investigation into the stress-relieving and pharmacological actions of an ashwagandha (Withania somnifera) extract: A randomized, double-blind, placebo-controlled study. Medicine (Baltimore). 2019;98(37):e17186. DOI: 10.1097/MD.0000000000017186
- Cheah KL, Norhayati MN, Husniati Yaacob L, Abdul Rahman R. Effect of Ashwagandha (Withania somnifera) extract on sleep: A systematic review and meta-analysis. PLoS One. 2021;16(9):e0257843. DOI: 10.1371/journal.pone.0257843
- Björnsson HK, Björnsson ES, Avula B, et al. Ashwagandha-induced liver injury: A case series from Iceland and the US Drug-Induced Liver Injury Network. Liver Int. 2020;40(4):825–829. DOI: 10.1111/liv.14393
- Philips CA, Valsan A, Theruvath AH, et al. Ashwagandha-induced liver injury – A case series from India and literature review. Hepatol Commun. 2023;7(10):e0270. DOI: 10.1097/HC9.0000000000000270
- Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Ashwagandha: Schlafbeeren-Präparate mit möglichen Gesundheitsrisiken. Mitteilung Nr. 039/2024 vom 10. September 2024.
- Stiftung Warentest. Nahrungsergänzungsmittel: Warnung vor Ashwagandha. test.de, Oktober 2024.
- LiverTox: Clinical and Research Information on Drug-Induced Liver Injury. Ashwagandha. National Institute of Diabetes and Digestive and Kidney Diseases (NIDDK), Bethesda.
