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Verunreinigte Supplemente: Doping-Risiko erkennen

Ein einziges Nahrungsergänzungsmittel kann eine Sportkarriere beenden – nicht durch Absicht, sondern durch eine nicht deklarierte Verunreinigung. Warum das Risiko real ist und wie die Kölner Liste dabei hilft, es klein zu halten.

Verschiedene Nahrungsergänzungsmittel in Dosen und Kapsel-Blistern neben einem beschrifteten Laborröhrchen auf einer Labor-Arbeitsfläche

Für die meisten Menschen ist ein Nahrungsergänzungsmittel eine harmlose Alltagsentscheidung. Für Leistungs- und Wettkampfsportler kann dieselbe Kapsel zur Falle werden. Der Grund liegt nicht in den deklarierten Inhaltsstoffen, sondern in dem, was ungenannt darin steckt: Spuren verbotener Substanzen, die weder auf dem Etikett stehen noch beabsichtigt sind. Wer regelmässig Dopingkontrollen unterliegt, trägt für einen solchen Befund die volle Verantwortung – auch als Freizeitsportler bei einem Volkslauf mit Kontrollen. Dieser Beitrag ordnet das Risiko mit Zahlen ein, erklärt, was die Kölner Liste leistet, und ebenso ehrlich, wo ihre Grenzen liegen.

Die Zahl hinter dem Risiko

Wie gross das Problem tatsächlich ist, zeigte eine breit angelegte Untersuchung der Deutschen Sporthochschule Köln. Zwischen Oktober 2000 und November 2001 kauften die Forschenden 634 nicht-hormonelle Nahrungsergänzungsmittel in 13 Ländern und analysierten sie im Labor. Das Ergebnis: rund 15 Prozent – konkret 94 Produkte – enthielten Anabolika, die nicht auf dem Etikett angegeben waren. Betroffen waren vor allem sogenannte Prohormone von Testosteron und Nandrolon, in Konzentrationen, die von kaum messbaren Spuren bis zu erheblichen Mengen reichten.

Diese Studie ist inzwischen älter, doch sie bleibt der meistzitierte Beleg dafür, dass Verunreinigungen kein Einzelfall sind. Neuere Übersichtsarbeiten desselben Kölner Forschungszentrums bestätigen, dass anabole Steroide und Stimulanzien bis heute regelmässig als nicht deklarierte Bestandteile in Supplementen auftauchen – teils durch mangelhafte Herstellungshygiene und fehlende Qualitätskontrollen, teils durch bewusste Beimischung, um die Wirkung eines Produkts zu steigern. Für Sportlerinnen und Sportler ist die Ursache zweitrangig: Der Befund im Testlabor bleibt derselbe.

Kölner Liste auf einen Blick

Was: öffentliche Datenbank für Nahrungsergänzungsmittel mit geringem Doping-Risiko.

Träger: Initiative rund um das Kölner Umfeld der Präventiven Dopingforschung.

Prüfung: Laboranalyse einzelner Chargen auf Anabolika, Stimulanzien und weitere verbotene Substanzen.

Nutzen: Orientierung beim Kauf – gelistete Produkte gelten als risikoärmer.

Grenze: minimiert das Risiko, schliesst es aber nicht vollständig aus.

Wichtig ist die Abgrenzung zum Alltag: Ein sorgfältig produziertes Vitaminpräparat aus der Schweizer Apotheke hat mit dieser Problematik in aller Regel nichts zu tun. Das Risiko konzentriert sich auf Produktgruppen, die im Sport zur Leistungssteigerung beworben werden – etwa manche Fatburner, «Muskelaufbau»-Booster oder Pre-Workout-Mischungen – sowie auf unklare Importware aus dem Ausland. Welche allgemeinen Qualitätsmerkmale ein seriöses Präparat sonst noch ausmachen, behandelt der Wirkstoff-Guide «Qualität erkennen» ausführlich; dieser Beitrag bleibt bewusst beim Doping-Risiko.

Was die Kölner Liste ist

Die Kölner Liste ist eine frei zugängliche Datenbank, die Nahrungsergänzungsmittel mit einem vergleichsweise geringen Doping-Risiko ausweist. Hersteller können ihre Produkte einreichen; diese werden anschliessend in einem auf Dopinganalytik spezialisierten Labor untersucht. Getestet wird auf jene Substanzgruppen, die immer wieder als Verunreinigungen auftauchen – vor allem anabole Steroide und Stimulanzien. Besteht ein Produkt die Analyse, erscheint es in der Liste; fällt es durch, wird es nicht aufgenommen.

Der praktische Wert liegt in der Orientierung. Statt selbst Etiketten zu entschlüsseln oder auf Herstellerversprechen zu vertrauen, können Sportlerinnen und Sportler in einer geprüften Übersicht nachsehen, welche Präparate ein reduziertes Risiko aufweisen. Vergleichbare, international bekannte Programme sind «Informed Sport» und «NSF Certified for Sport». Sie alle folgen demselben Grundgedanken: eine unabhängige Laborprüfung schiebt sich zwischen Produkt und Athlet.

~15 %der geprüften Supplemente enthielten nicht deklarierte Anabolika (Geyer et al., 2004)
634untersuchte Nahrungsergänzungsmittel aus 13 Ländern in der Kölner Studie
>1 µgNandrolon-Prohormon reichten im Test aus, um vorübergehend einen positiven Dopingbefund auszulösen

Positiv getestet durch ein Supplement?

Die vielleicht wichtigste Erkenntnis der Kölner Untersuchung war nicht die Häufigkeit der Verunreinigungen, sondern ihre Wirkung im Testlabor. Bereits die Aufnahme von Präparaten mit Nandrolon-Prohormonen, die sich zu insgesamt mehr als einem Mikrogramm summierten, führte für mehrere Stunden zu einem positiven Dopingbefund auf den Nandrolon-Abbaustoff Norandrosteron. Es braucht also keine wirksame Dosis – winzige, gesundheitlich völlig belanglose Spuren genügen, um eine Kontrolle auffällig zu machen.

Genau hier greift das Prinzip der strikten Verantwortlichkeit («strict liability»), das dem Anti-Doping-Regelwerk zugrunde liegt. Vereinfacht bedeutet es: Wer eine verbotene Substanz im Körper hat, ist dafür verantwortlich – unabhängig davon, ob die Aufnahme absichtlich war oder durch ein verunreinigtes Supplement geschah. Der Verweis «Das stand nicht auf dem Etikett» schützt vor einem positiven Befund nicht. Zwar kann eine nachgewiesene Kontamination im Verfahren mildernd berücksichtigt werden, doch der Aufwand dafür ist erheblich und der Ausgang ungewiss. Für Schweizer Athletinnen und Athleten gilt dieses Prinzip über die Regeln von Antidoping Schweiz und der Welt-Anti-Doping-Agentur gleichermassen.

SituationDoping-RisikoEmpfehlung
Produkt auf der Kölner Liste / mit Sport-Prüfsiegelgeringbevorzugt verwenden, Charge notieren
Marken-Supplement ohne Prüfsiegelunklarvor Einnahme prüfen lassen oder meiden
«Booster», Fatburner, Muskelaufbau-Mixerhöhtim Wettkampfsport meiden
Importware aus unklarer Quelle / Onlinehandelhochnicht verwenden

Die Einordnung ist eine allgemeine Orientierung und ersetzt keine individuelle Beratung durch die zuständige Anti-Doping-Stelle.

Was auch die Kölner Liste nicht leistet

So nützlich geprüfte Listen sind – sie geben keine absolute Sicherheit, und seriöse Programme sagen das selbst offen. Eine Analyse untersucht immer nur eine bestimmte Charge auf ein festgelegtes Spektrum an Substanzen. Entsteht eine Verunreinigung erst später in der Produktion, betrifft sie eine andere Charge oder handelt es sich um eine Substanz ausserhalb des Testfensters, kann die Prüfung das nicht erfassen. Ein gelistetes Produkt ist deshalb risikoärmer, aber nicht garantiert dopingfrei.

Diese Ehrlichkeit ist kein Widerspruch zum Nutzen der Liste, sondern ihr eigentlicher Wert: Sie verschiebt die Wahrscheinlichkeit deutlich in Richtung Sicherheit, ohne ein Versprechen zu geben, das niemand seriös einhalten kann. Für Sportlerinnen und Sportler folgt daraus eine nüchterne Konsequenz. Die sicherste Strategie ist nicht, das «perfekt geprüfte» Präparat zu suchen, sondern die Zahl der eingenommenen Supplemente von vornherein klein zu halten. Jedes Produkt, das man weglässt, ist ein Risiko weniger – eine Überlegung, die auch dann trägt, wenn es gar nicht um Doping geht, sondern schlicht um die Frage nach dem tatsächlichen Bedarf.

Worauf Sportler achten sollten

Aus alldem lässt sich eine kurze, praxistaugliche Linie ableiten. Erstens: nur Produkte verwenden, die auf einer anerkannten Liste geführt werden oder ein Prüfsiegel für den Sport tragen. Zweitens: auf unklare Importware und vollmundig beworbene «Leistungs-Booster» verzichten – gerade dort ist die Verunreinigungsquote am höchsten. Drittens: von jedem eingenommenen Präparat die Charge und den Kaufbeleg aufbewahren, damit sich im Fall der Fälle nachvollziehen lässt, was eingenommen wurde.

Und schliesslich die einfachste Regel überhaupt: nur einnehmen, was wirklich gebraucht wird. Viele Sportlerinnen und Sportler nehmen aus Gewohnheit mehr Ergänzungen, als sinnvoll ist – eine Frage, die der Beitrag zu zu viel Nahrungsergänzung genauer beleuchtet. Wer unsicher ist, ob ein Nährstoff überhaupt fehlt, findet im Beitrag zum Vitaminmangel-Test für zuhause eine Einordnung, bevor überhaupt zu einem Präparat gegriffen wird. Im Zweifel ist der Weg über die zuständige Anti-Doping-Stelle, die Ärztin, den Arzt oder die Apotheke die verlässlichste Adresse.

Gut zu wissen. Eine geprüfte Liste senkt das Doping-Risiko, hebt es aber nicht auf. Wer im organisierten Wettkampfsport aktiv ist und Kontrollen unterliegt, klärt jedes Präparat vorab mit der zuständigen Anti-Doping-Stelle sowie mit Ärztin, Arzt oder Apotheke ab. Bei akuten Gesundheitsbeschwerden nach der Einnahme eines Präparats gilt: ärztlichen Rat einholen, im Notfall die 144 wählen.

Häufige Fragen

Was ist die Kölner Liste?

Die Kölner Liste ist eine öffentliche Datenbank, die Nahrungsergänzungsmittel mit einem vergleichsweise geringen Doping-Risiko ausweist. Die aufgeführten Produkte werden in einem spezialisierten Labor auf Anabolika, Stimulanzien und weitere verbotene Substanzen untersucht. Bestehen sie die Analyse, werden sie gelistet. Für Sportlerinnen und Sportler dient die Liste als Orientierung, um Präparate mit hohem Kontaminationsrisiko zu meiden.

Wie viele Supplemente sind mit Dopingsubstanzen verunreinigt?

In einer breit angelegten Untersuchung der Deutschen Sporthochschule Köln wurden 634 Nahrungsergänzungsmittel aus 13 Ländern geprüft. Rund 15 Prozent (94 Produkte) enthielten Anabolika, die nicht auf dem Etikett standen. Andere Analysen fanden zusätzlich nicht deklarierte Stimulanzien. Die Zahl schwankt je nach Produktgruppe, Herkunft und Studie, macht aber deutlich, dass ein relevanter Anteil des internationalen Marktes betroffen sein kann.

Kann man durch Nahrungsergänzung positiv getestet werden?

Ja. Schon geringe Spuren einer verbotenen Substanz in einem verunreinigten Präparat können in einer Dopingkontrolle zu einem positiven Befund führen. Im Anti-Doping-Recht gilt das Prinzip der strikten Verantwortlichkeit: Athletinnen und Athleten haften für alles, was in ihrem Körper gefunden wird, unabhängig davon, ob die Aufnahme absichtlich war. Ein verunreinigtes Supplement schützt nicht vor den Folgen.

Sind Kölner-Liste-Produkte garantiert dopingfrei?

Nein. Die Kölner Liste und ähnliche Programme minimieren das Risiko, schliessen es aber nicht vollständig aus. Getestet wird jeweils eine Charge auf bestimmte Substanzgruppen. Eine Kontamination, die erst nach der Prüfung entsteht oder ausserhalb des Testspektrums liegt, kann eine Analyse nicht erfassen. Ein gelistetes Produkt ist deutlich sicherer, aber keine absolute Garantie.

Worauf sollten Sportler beim Supplement-Kauf achten?

Sinnvoll ist, nur Produkte zu verwenden, die auf einer anerkannten Liste wie der Kölner Liste geführt werden oder ein Prüfsiegel für den Sport tragen. Wichtig sind ausserdem der Verzicht auf unklare Importware, das Aufbewahren von Charge und Kaufbeleg sowie die Grundregel, nur wirklich benötigte Präparate einzunehmen. Wer Leistungssport betreibt, klärt Zweifelsfälle vorab mit der zuständigen Anti-Doping-Stelle, Ärztin, Arzt oder Apotheke.

Quellen

  1. Geyer H, Parr MK, Mareck U, Reinhart U, Schrader Y, Schänzer W. Analysis of non-hormonal nutritional supplements for anabolic-androgenic steroids – results of an international study. Int J Sports Med. 2004;25(2):124–129. DOI: 10.1055/s-2004-819955
  2. Walpurgis K, Thomas A, Geyer H, Mareck U, Thevis M. Dietary Supplement and Food Contaminations and Their Implications for Doping Controls. Foods. 2020;9(8):1012. DOI: 10.3390/foods9081012
  3. Parr MK, Geyer H, Reinhart U, Schänzer W. Analytical strategies for the detection of non-labelled anabolic androgenic steroids in nutritional supplements. Food Addit Contam. 2004;21(7):632–640. DOI: 10.1080/02652030410001701602
  4. Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA): World Anti-Doping Code – Grundsatz der strikten Verantwortlichkeit («strict liability») und Verbotsliste.
  5. Antidoping Schweiz: Informationen zu Nahrungsergänzungsmitteln und Kontaminationsrisiken im Sport.
  6. Kölner Liste (Initiative der Präventiven Dopingforschung): Datenbank getesteter Nahrungsergänzungsmittel mit reduziertem Doping-Risiko.