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Sichere Obergrenzen (UL): Wie viel ist zu viel?

Für viele Vitamine und Mineralstoffe gibt es eine wissenschaftlich definierte Höchstmenge – der UL zeigt, wo «mehr» aufhört, sinnvoll zu sein.

Mehr hilft mehr – dieser Reflex steckt tief. Bei Wirkstoffen stimmt er selten. Für zahlreiche Vitamine und Mineralstoffe existiert eine wissenschaftlich hergeleitete Obergrenze, ab der ein zusätzlicher Nutzen ausbleibt, während das Risiko für unerwünschte Wirkungen steigt. Diese Grenze heisst UL, kurz für «Tolerable Upper Intake Level». Wer sie kennt, dosiert gelassener – und sicherer.

Was der UL wirklich bedeutet

Der UL ist die höchste dauerhafte tägliche Zufuhr eines Nährstoffs, die auch bei lebenslanger Aufnahme für nahezu alle gesunden Menschen kein Gesundheitsrisiko erwarten lässt. Festgelegt wird er in Europa von der EFSA, der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit, sowie früher vom wissenschaftlichen Lebensmittelausschuss (SCF). In der Schweiz orientiert sich das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) an diesen Bewertungen.

Wichtig ist das Wort «tolerierbar»: Der UL ist keine Dosis, die man anstreben sollte, sondern eine Sicherheitsmarke, die man nicht überschreiten muss. Und er umfasst die Zufuhr aus allen Quellen zusammen – aus normalen Lebensmitteln, aus angereicherten Produkten wie manchen Frühstücksflocken und aus Nahrungsergänzungsmitteln.

Wie eine Obergrenze zustande kommt

Fachleute suchen in Studien die höchste Menge, bei der noch keine unerwünschte Wirkung auftritt (NOAEL), oder die niedrigste, bei der eine solche Wirkung beobachtet wurde (LOAEL). Auf diesen Wert wird ein Sicherheitsfaktor angewendet, der Unsicherheiten in den Daten abbildet. Beim Selen etwa leitete die EFSA 2023 aus einer grossen Humanstudie einen LOAEL von 330 µg pro Tag ab, wandte einen Faktor von 1,3 an und kam so auf einen UL von 255 µg pro Tag.

Steckbrief: Tolerable Upper Intake Level (UL)

  • Was: höchste dauerhafte Tageszufuhr ohne erwartetes Gesundheitsrisiko
  • Wer legt fest: EFSA (früher SCF); in der Schweiz orientiert sich das BLV daran
  • Gilt für: gesunde Allgemeinbevölkerung, chronische tägliche Zufuhr
  • Rechnet mit: allen Quellen zusammen – Essen, angereicherte Produkte, Supplemente
  • Ist nicht: eine empfohlene Menge oder eine Zielmarke

UL ist keine Zielmarke

Drei Begriffe werden leicht verwechselt, obwohl sie Unterschiedliches meinen. Wer sie auseinanderhält, liest jedes Etikett und jede Tabelle sicherer:

  • Referenzwert (D-A-CH): die Menge, die eine Person üblicherweise braucht – der eigentliche Tagesbedarf.
  • NRV (Nährstoffbezugswert): der Prozentwert auf der Packung, der die Zufuhr ins Verhältnis zu einem Referenzwert setzt.
  • UL (Obergrenze): die Sicherheitsmarke nach oben, die mit dem Bedarf nichts zu tun hat.

Zwischen empfohlenem Wert und UL liegt bewusst ein grosser Abstand. Bei Zink zum Beispiel liegt der Referenzwert für Erwachsene im einstelligen Milligrammbereich, der UL bei 25 mg pro Tag. Diesen Spielraum muss niemand ausreizen. Wie man Prozente, Milligramm und Mikrogramm auf einer Packung richtig einordnet, zeigt unser Beitrag Qualität erkennen im Detail.

Obergrenzen im Überblick

Die folgenden Werte gelten für gesunde Erwachsene und beziehen sich auf die gesamte tägliche Zufuhr, sofern nicht anders vermerkt. Sie sind Richtwerte der europäischen Bewertung, an denen sich auch die Schweiz orientiert – keine individuellen Empfehlungen.

WirkstoffUL für Erwachsene / TagFestgelegt von
Vitamin D100 µg (4000 IE)EFSA 2012
Vitamin B612 mgEFSA 2023
Selen255 µgEFSA 2023
Zink25 mgSCF / EFSA
Magnesium (nur aus Supplementen)250 mgSCF 2001
Calcium2500 mgEFSA 2012
Jod600 µgSCF 2002

Der Magnesium-Wert fällt aus dem Rahmen: Er bezieht sich nur auf leicht lösliche Magnesiumsalze aus Präparaten und Getränken, nicht auf das Magnesium aus normalen Lebensmitteln. Grund ist, dass ein Überschuss aus Supplementen den Darm anders belastet als das gebundene Magnesium in der Nahrung.

100 µgUL Vitamin D pro Tag (Erwachsene), EFSA 2012
250 mgUL Magnesium aus Supplementen pro Tag, SCF 2001
12 mgUL Vitamin B6 pro Tag, EFSA 2023

Warum es Obergrenzen gibt

Nicht jeder Wirkstoff verhält sich im Körper gleich. Ob eine Obergrenze eng oder weit ausfällt, hängt stark davon ab, wie ein Nährstoff gespeichert und ausgeschieden wird.

Fettlöslich: A, D, E, K

Fettlösliche Vitamine kann der Körper speichern. Das ist praktisch, macht sie aber empfindlicher gegenüber einem dauerhaften Übermass. Bei Vitamin A in Form von Retinol ist gerade in der Schwangerschaft Zurückhaltung angezeigt; bei Vitamin D kann eine sehr hohe, chronische Zufuhr den Calciumspiegel im Blut ansteigen lassen. Deshalb sind hier klare ULs definiert.

Wasserlöslich: B-Gruppe, C

Viele wasserlösliche Vitamine werden bei einem Überschuss teilweise über die Nieren ausgeschieden. Das heisst aber nicht, dass beliebig viel unbedenklich wäre. Für Vitamin B6 besteht ein UL, weil sehr hohe Mengen über lange Zeit die peripheren Nerven belasten und Missempfindungen in Händen und Füssen auslösen können – genau dieser Effekt bildet die Grundlage des B6-UL von 12 mg pro Tag.

Mineralstoffe und Spurenelemente

Bei einigen Mineralstoffen ist der Abstand zwischen «genug» und «zu viel» vergleichsweise klein. Zu viel Zink über längere Zeit kann etwa die Aufnahme von Kupfer stören; ein Übermass an Selen zeigt sich früh an brüchigem Haar. Solche Wechselwirkungen sind ein weiterer Grund, einzelne Nährstoffe nicht unkontrolliert hoch zu dosieren – mehr dazu im Wirkstoffe-Ratgeber.

Der UL ist keine Alarmschwelle. Wird er einmalig knapp überschritten, passiert in der Regel nichts – er beschreibt die dauerhafte tägliche Zufuhr. Problematisch ist eher, mehrere hochdosierte Präparate über Monate zu kombinieren. Bei bestehenden Erkrankungen, in Schwangerschaft und Stillzeit oder bei Einnahme von Medikamenten gelten andere Massstäbe: Hier lohnt sich individueller Rat, wie im Beitrag Wann zum Arzt? beschrieben.

So bleiben Sie im sicheren Bereich

Der UL wirkt in der Praxis unaufgeregt, wenn man ein paar Gewohnheiten beherzigt:

  • Etikett lesen: Menge pro Tagesdosis in mg oder µg prüfen, nicht nur den Prozentwert.
  • Nicht stapeln: Multipräparat, Einzelvitamin und angereicherte Lebensmittel liefern denselben Wirkstoff oft mehrfach – die Summe zählt.
  • Hochdosis kritisch prüfen: Produkte mit «hochdosiert» oder «Depot» im Namen liegen näher am UL als klassische Basispräparate.
  • Nahrung mitrechnen: Wer bereits selenreich (Paranüsse) oder jodreich isst, hat einen Teil der Zufuhr schon gedeckt.
  • Im Zweifel fragen: Apotheke oder ärztliche Praxis ordnen die eigene Situation ein.

Kurz gesagt: Der Referenzwert sagt, wie viel man braucht, der UL, wo Schluss ist. Der sinnvolle Bereich liegt fast immer dazwischen – und deutlich näher am Bedarf als an der Obergrenze.

Häufige Fragen

Was bedeutet der UL-Wert genau?

Der UL (Tolerable Upper Intake Level) ist die höchste tägliche Zufuhr eines Wirkstoffs, die auch bei dauerhafter Aufnahme für nahezu alle gesunden Menschen kein Gesundheitsrisiko erwarten lässt. Er wird aus Studien abgeleitet und zählt die Zufuhr aus allen Quellen zusammen: Lebensmittel, angereicherte Produkte und Supplemente.

Ist der UL dasselbe wie der Tagesbedarf?

Nein. Der Tagesbedarf beziehungsweise Referenzwert beschreibt, wie viel eine Person üblicherweise braucht. Der UL ist dagegen eine Obergrenze und keine Zielmarke. Zwischen dem empfohlenen Wert und dem UL liegt ein grosser Sicherheitsabstand, den man nicht ausschöpfen muss.

Zählt bei der Obergrenze nur das Supplement oder auch das Essen?

Der UL bezieht sich auf die gesamte tägliche Zufuhr aus allen Quellen. Dazu gehören normale Lebensmittel, angereicherte Produkte wie Frühstücksflocken und alle Nahrungsergänzungsmittel zusammen. Wer mehrere Präparate mit demselben Wirkstoff kombiniert, kann die Summe schneller erreichen als gedacht.

Was passiert bei einer kurzen Überschreitung?

Eine einmalige oder kurze Überschreitung, vor allem über normale Lebensmittel, ist in der Regel unproblematisch. Der UL bezieht sich auf die dauerhafte tägliche Zufuhr. Kritisch wird eher die regelmässige, hohe Aufnahme über lange Zeit, meist durch hochdosierte Präparate.

Kann man wasserlösliche Vitamine überhaupt überdosieren?

Viele wasserlösliche Vitamine werden bei einem Überschuss teilweise wieder ausgeschieden. Trotzdem gibt es Ausnahmen: Für Vitamin B6 etwa besteht ein UL, weil sehr hohe Mengen über lange Zeit die Nerven belasten können. Fettlösliche Vitamine wie A und D können sich im Körper stärker anreichern.

Für welche Wirkstoffe gibt es keinen UL?

Für einige Wirkstoffe wurde bisher kein UL festgelegt, weil die Datenlage nicht ausreicht, zum Beispiel für Vitamin C oder Thiamin. Das heisst nicht, dass beliebig hohe Mengen sinnvoll oder folgenlos sind. Sehr hohe Dosen können etwa den Magen-Darm-Trakt belasten.

Quellen

  1. EFSA NDA Panel. Scientific opinion on the tolerable upper intake level for vitamin B6. EFSA Journal 2023;21(5):8006. doi:10.2903/j.efsa.2023.8006
  2. EFSA NDA Panel. Scientific opinion on the tolerable upper intake level for selenium. EFSA Journal 2023;21(1):7704. doi:10.2903/j.efsa.2023.7704
  3. EFSA NDA Panel. Scientific Opinion on the Tolerable Upper Intake Level of vitamin D. EFSA Journal 2012;10(7):2813. doi:10.2903/j.efsa.2012.2813
  4. Scientific Committee on Food / EFSA. Tolerable Upper Intake Levels for Vitamins and Minerals (Zusammenstellung). EFSA, 2006.
  5. Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV). Nährstoffe: Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr. Bern.
  6. D-A-CH (DGE/ÖGE/SGE-SSN). Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr, 2. Auflage.