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Proteinbedarf ab 50: mehr Eiweiss gegen Muskelabbau

Ab der Lebensmitte beginnt der Körper still Muskeln abzubauen. Eiweiss ist dagegen das wichtigste Werkzeug – doch entscheidend ist nicht nur die Tagesmenge, sondern wie und wann man es isst.

Ältere Frau und Mann bereiten in der Küche einen eiweissreichen Teller mit Lachs, Eiern, Quark und Hülsenfrüchten zu

Etwa ab dem 50. Lebensjahr verliert der Mensch von Jahr zu Jahr an Muskelmasse und Muskelkraft – ein schleichender Prozess, der lange unbemerkt bleibt und in ausgeprägter Form als Sarkopenie bezeichnet wird. Der grosse Hebel dagegen liegt auf dem Teller und im Alltag: genügend Eiweiss und regelmässige Bewegung. Doch die gängigen Bedarfstabellen greifen für ältere Menschen zu kurz. Denn im Alter zählt nicht allein, wie viel Protein am Tag zusammenkommt, sondern wie es über die Mahlzeiten verteilt ist und wie stark der einzelne Reiz ausfällt. Der Grund dafür trägt einen Namen, den viele Ratgeber übergehen: anabole Resistenz.

Wie viel Protein ab 50 nötig ist

Der offizielle Referenzwert für Erwachsene liegt bei rund 0,8 g Protein pro Kilogramm Körpergewicht und Tag – so steht es in den D-A-CH-Referenzwerten, die auch in der Schweiz als Orientierung dienen. Diese Menge deckt den Grundbedarf und verhindert einen Mangel. Für ältere Menschen halten viele Fachleute sie jedoch für zu knapp bemessen, um die Muskulatur aktiv zu erhalten.

Eine internationale Expertengruppe, die PROT-AGE-Study-Group, empfiehlt für gesunde Menschen über 65 Jahre deshalb im Schnitt mindestens 1,0 bis 1,2 g/kg pro Tag. Wer körperlich aktiv ist, sollte eher bei 1,2 g/kg oder darüber liegen; bei akuten oder chronischen Erkrankungen kann der Bedarf sogar auf 1,2 bis 1,5 g/kg steigen. Für eine Person mit 70 Kilogramm bedeutet die Empfehlung konkret rund 70 bis 90 Gramm Eiweiss über den Tag – deutlich mehr, als viele ältere Menschen tatsächlich essen.

Proteinbedarf ab 50 auf einen Blick

Allgemeiner Richtwert: rund 0,8 g/kg Körpergewicht pro Tag (D-A-CH).

Empfehlung für Ältere: 1,0–1,2 g/kg pro Tag, aktiv eher mehr.

Pro Mahlzeit: als Richtwert rund 0,4 g/kg, also etwa 25–35 g.

Warum mehr: anabole Resistenz – ältere Muskeln reagieren schwächer.

Bester Partner: regelmässiges Krafttraining verstärkt den Effekt.

Die reine Tagesmenge ist allerdings nur die halbe Wahrheit. Denn selbst wer rechnerisch genug Eiweiss isst, baut nicht automatisch Muskeln auf oder hält sie – wenn das Protein ungünstig über den Tag verteilt ist. Um das zu verstehen, lohnt ein Blick auf das, was sich im alternden Muskel verändert.

Anabole Resistenz: der blinde Fleck der Bedarfstabellen

Muskulatur ist kein starres Gewebe, sondern ständig im Umbau: Ständig werden Eiweisse abgebaut und neue aufgebaut. Nahrungseiweiss kurbelt dabei den Aufbau an, die sogenannte Muskelproteinsynthese. Beim jungen Menschen genügt dafür schon eine mässige Portion Protein. Im Alter jedoch reagiert der Muskel träger auf denselben Reiz – Fachleute nennen dieses Phänomen anabole Resistenz.

Wie deutlich der Unterschied ist, zeigte eine Analyse von Daten gesunder Männer: Bei den jüngeren Teilnehmern erreichte die Muskelproteinsynthese ihr Maximum bereits bei etwa 0,24 g Protein pro Kilogramm Körpergewicht in einer Mahlzeit. Bei den älteren Männern brauchte es rund 0,40 g/kg – also spürbar mehr Eiweiss auf einmal, um denselben Aufbaureiz auszulösen. Der Muskel im Alter ist gewissermassen schwerhöriger geworden und braucht ein lauteres Signal.

0,8 → 1,2g Protein pro kg Körpergewicht und Tag: vom allgemeinen Richtwert zur Empfehlung für Ältere (PROT-AGE, 2013)
~0,4 g/kgProtein pro Mahlzeit, um die Muskelproteinsynthese im Alter anzustossen (Moore et al., 2015)
+25 %höhere Tages-Muskelproteinsynthese bei gleichmässiger statt abendlastiger Eiweissverteilung in einer Studie (Mamerow et al., 2014)

Dieses Signal hat auch eine chemische Komponente. Unter den Eiweissbausteinen gilt vor allem die Aminosäure Leucin als Auslöser, der die Muskelproteinsynthese anschaltet. Weil der alternde Muskel weniger empfindlich reagiert, scheint er einen kräftigeren Leucin-Reiz zu benötigen, um voll anzuspringen. Deshalb rücken leucinreiche Eiweissquellen – Milchprodukte, Eier, Fisch, Fleisch und Molkenprotein – im Alter besonders in den Fokus. Genau diesen Punkt lassen einfache Bedarfstabellen und der pauschale 0,8-Gramm-Wert unter den Tisch fallen: Sie nennen eine Tagessumme, sagen aber nichts über die Menge und Qualität des einzelnen Reizes.

Nicht nur wie viel, sondern pro Mahlzeit

Aus der anabolen Resistenz folgt eine praktische Konsequenz, die in den meisten Ratgebern fehlt: Die Verteilung über den Tag entscheidet mit. Viele Menschen essen morgens kohlenhydratreich und wenig Eiweiss, mittags etwas mehr und laden dann das meiste Protein auf das Abendessen. Für die Muskulatur ist das ungünstig. Eine kleine Studie mit gesunden Erwachsenen verglich zwei Tagespläne mit exakt gleicher Eiweissmenge: Wurde das Protein gleichmässig auf Frühstück, Mittag- und Abendessen verteilt, lag die Muskelproteinsynthese über 24 Stunden rund ein Viertel höher als bei der abendlastigen Variante.

Als Faustregel hat sich deshalb etabliert, pro Hauptmahlzeit rund 0,4 g Protein pro Kilogramm Körpergewicht anzustreben – für die meisten Menschen sind das etwa 25 bis 35 Gramm, verteilt auf drei Mahlzeiten. Ähnlich wie bei den verschiedenen Magnesiumformen zählt also nicht allein die Zahl auf der grossen Rechnung, sondern die Form der Zufuhr im Detail. Die folgende Übersicht übersetzt den Richtwert in Alltagsmengen:

KörpergewichtTagesmenge (1,0–1,2 g/kg)Pro Hauptmahlzeit (~0,4 g/kg)*
60 kg60–72 g~24 g
70 kg70–84 g~28 g
80 kg80–96 g~32 g
90 kg90–108 g~36 g

* Richtwerte für gesunde ältere Menschen; keine individuelle Empfehlung. Der tatsächliche Bedarf hängt von Gesundheit, Aktivität und Erkrankungen ab.

Was heisst das im Alltag? Ein Frühstück aus Naturjoghurt oder Quark mit Beeren liefert bereits einen soliden Eiweissanteil, den morgens sonst oft Brot mit Konfitüre ersetzt. Mittags sorgen Fisch, Eier, Hülsenfrüchte oder Fleisch für die Portion, abends ebenso. Wer merkt, dass eine Mahlzeit eiweissarm ausfällt, kann sie gezielt aufwerten – ein hart gekochtes Ei, etwas Käse oder Hüttenkäse genügen oft schon.

Bewegung als Verstärker

Eiweiss entfaltet seine Wirkung am stärksten in Kombination mit Belastung. Krafttraining macht den Muskel für Nahrungsprotein empfänglicher und wirkt so der anabolen Resistenz entgegen. Eine umfangreiche Meta-Analyse zeigt, dass zusätzliche Proteinzufuhr die Zuwächse an Muskelmasse und Kraft durch Krafttraining messbar verstärkt – bei gesunden Erwachsenen quer durch die Altersgruppen. Mit steigendem Alter fällt der Zusatzeffekt zwar etwas geringer aus, bleibt aber vorhanden. Die klare Botschaft: Eiweiss und Training gehören zusammen; das eine ohne das andere lässt viel Potenzial liegen.

Praktisch heisst das nicht Hochleistungssport. Schon zwei kurze Krafteinheiten pro Woche – mit dem eigenen Körpergewicht, Bändern oder Gewichten – setzen einen deutlichen Reiz, ergänzt durch Alltagsbewegung wie Treppensteigen oder das Tragen der Einkäufe. Wer diese Bewegung mit gut verteiltem, eiweissreichem Essen kombiniert, greift genau an der Stelle an, an der der altersbedingte Muskelabbau seinen Anfang nimmt. Ähnliche Überlegungen zum gezielten Nährstoffeinsatz finden sich auch beim Thema Hautalterung, etwa im Beitrag über Hyaluron-Kapseln.

Gut zu wissen. Für gesunde Nieren gilt eine erhöhte Eiweisszufuhr im Rahmen der genannten Mengen allgemein als unbedenklich. Wer jedoch eine bekannte Nierenerkrankung hat, sollte die Proteinmenge vorab ärztlich abklären. Auch bei ungewolltem Gewichtsverlust, Schluckproblemen oder chronischen Erkrankungen ist ärztlicher oder pharmazeutischer Rat sinnvoll. Dieser Beitrag informiert allgemein und ersetzt keine individuelle Beratung. In einem medizinischen Notfall gilt in der Schweiz die Notrufnummer 144.

Häufige Fragen

Wie viel Protein braucht man ab 50?

Fachgremien empfehlen für gesunde ältere Menschen im Schnitt 1,0 bis 1,2 g Protein pro Kilogramm Körpergewicht und Tag – mehr als den allgemeinen Richtwert von 0,8 g/kg. Wer regelmässig aktiv ist, liegt eher bei 1,2 g/kg oder darüber. Für eine Person mit 70 kg sind das rund 70 bis 90 g Eiweiss pro Tag.

Was ist anabole Resistenz?

Anabole Resistenz beschreibt, dass ältere Muskeln schwächer auf Nahrungseiweiss reagieren als junge. Dieselbe Portion Protein löst weniger Muskelaufbau aus. Deshalb braucht es im Alter nicht nur mehr Eiweiss insgesamt, sondern auch eine grössere Menge pro Mahlzeit, um denselben Aufbaureiz zu erzielen.

Wie stoppt man Muskelabbau im Alter?

Am wirksamsten ist die Kombination aus ausreichend Protein und regelmässigem Krafttraining. Eine Meta-Analyse zeigt, dass zusätzliches Eiweiss die Kraft- und Muskelzuwächse durch Krafttraining verstärkt. Eiweiss allein oder Training allein wirken schwächer als beides zusammen. Wichtig sind gut verteilte, eiweissreiche Mahlzeiten über den Tag.

Wie viel Eiweiss pro Mahlzeit ab 60?

Als Richtwert gelten rund 0,4 g Protein pro Kilogramm Körpergewicht je Hauptmahlzeit, also etwa 25 bis 35 g für die meisten Menschen. Diese Menge scheint nötig, um den Muskelaufbau im Alter voll anzustossen. Drei solche Mahlzeiten pro Tag sind sinnvoller als eine einzige grosse Eiweissportion am Abend.

Reichen 0,8 g Protein pro Kilo im Alter?

Der klassische Richtwert von 0,8 g/kg deckt den Grundbedarf, gilt aber vielen Fachleuten für ältere Menschen als zu knapp, um Muskelmasse zu erhalten. Wegen der anabolen Resistenz empfehlen Positionspapiere höhere Mengen von 1,0 bis 1,2 g/kg. Bei Krankheit kann der Bedarf noch höher liegen.

Worauf sollte man bei hoher Proteinzufuhr achten?

Für gesunde Nieren gilt eine erhöhte Eiweisszufuhr allgemein als unbedenklich. Wer jedoch eine bekannte Nierenerkrankung hat, sollte die Menge vorab ärztlich abklären. Auch bei chronischen Erkrankungen oder unklarem Gewichtsverlust ist ärztlicher oder pharmazeutischer Rat die richtige Adresse.

Quellen

  1. Bauer J, Biolo G, Cederholm T, et al. Evidence-based recommendations for optimal dietary protein intake in older people: a position paper from the PROT-AGE Study Group. J Am Med Dir Assoc. 2013;14(8):542–559. DOI: 10.1016/j.jamda.2013.05.021
  2. Moore DR, Churchward-Venne TA, Witard O, et al. Protein ingestion to stimulate myofibrillar protein synthesis requires greater relative protein intakes in healthy older versus younger men. J Gerontol A Biol Sci Med Sci. 2015;70(1):57–62. DOI: 10.1093/gerona/glu103
  3. Mamerow MM, Mettler JA, English KL, et al. Dietary protein distribution positively influences 24-h muscle protein synthesis in healthy adults. J Nutr. 2014;144(6):876–880. DOI: 10.3945/jn.113.185280
  4. Witard OC, McGlory C, Hamilton DL, Phillips SM. Growing older with health and vitality: a nexus of physical activity, exercise and nutrition. Biogerontology. 2016;17(3):529–546. DOI: 10.1007/s10522-016-9637-9
  5. Ispoglou T, Witard OC, Duckworth LC, Lees MJ. The efficacy of essential amino acid supplementation for augmenting dietary protein intake in older adults. Proc Nutr Soc. 2021;80(2):230–242. DOI: 10.1017/S0029665120008010
  6. Morton RW, Murphy KT, McKellar SR, et al. A systematic review, meta-analysis and meta-regression of the effect of protein supplementation on resistance training-induced gains in muscle mass and strength in healthy adults. Br J Sports Med. 2018;52(6):376–384. DOI: 10.1136/bjsports-2017-097608
  7. Cruz-Jentoft AJ, Bahat G, Bauer J, et al. Sarcopenia: revised European consensus on definition and diagnosis (EWGSOP2). Age Ageing. 2019;48(1):16–31. DOI: 10.1093/ageing/afy169
  8. Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE), Österreichische Gesellschaft für Ernährung, Schweizerische Gesellschaft für Ernährung (SGE): D-A-CH-Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr – Protein.